Gestern schrieb mir ein Freund, dass seine Augen, wie er es ausdrückte, „überraschend befeuchtet wurden“.

Er reist gerade mit seiner Familie durch Italien. Vor knapp einer Woche bin ich in Uruguay angekommen. Mit dreiunddreißigeinhalb Jahren habe ich das einzige Zuhause verlassen, das ich je gekannt habe, und mein Leben beginnt noch einmal vollkommen von vorne. Ganz langsam lerne ich, mich darin zurechtzufinden.

Der Abschied von Wien fiel mir schwer – und dann doch überraschend leicht, wenn du verstehst, was ich meine.

Meine letzten Wochen dort waren davon geprägt, mein Leben in Kisten zu packen und so viel Zeit wie möglich mit den Menschen zu verbringen, die mir wichtig sind. Darunter befand sich klarerweise auch dieser Freund.

Wir kennen uns seit knapp zehn Jahren. Angefangen hat es beim Boxen. Später gingen wir öfter etwas Gutes essen und sehr häufig ins Kino. Danach besprachen wir das Gesehene beim Essen. Filme, Gedanken und persönliche Traumata wechselten sich in unseren Gesprächen so häufig ab, wie manche Menschen blinzeln.

Gestern regnete es an seinem Urlaubsort, weshalb er mit seiner Familie ein unterirdisches Kino- und Kulturzentrum besuchte.

Davor schaute er allerdings noch in einem kleinen Schusterladen vorbei, in dem man, wie er mich informierte, Schuhe sehr günstig kaufen und anpassen lassen konnte. Er fand dort ein wunderschönes Paar, brauchte aber einen Schuhlöffel, um es anzuprobieren. Als ihm der Verkäufer einen brachte, musste er bereits schlucken.

Er sah genauso aus wie meiner – jener Schuhlöffel, den er in Wien öfter verwendet hatte und den ich bei meinem Umzug zurückgelassen habe. Meinen anderen, weniger stabilen Schuhlöffel hatte er zuvor bereits ruiniert. Der war zwar ausgesprochen praktisch, weil man ihn ausziehen konnte, aber offenbar nicht dafür gebaut, ihn zu überleben.

Noch bevor er das Kulturzentrum betreten hatte, war ich also bereits in seinen Gedanken. Er fragte sich, was ich wohl gerade am anderen Ende des Atlantiks machte.

Wenig später ging er hinein.

Und dort war es: unser Lied.

Es war die Musik aus Les Parapluies de Cherbourg, einem Film, den wir gemeinsam gesehen und beweint hatten. Wir lieben ihn beide, und seine Musik nimmt mittlerweile einen ganz besonderen Platz in unserer Freundschaft ein.

Kurz vor meinem Abschied aus Wien schenkte mir dieser großartige Freund etwas, das er selbst gebaut hatte: ein kleines, beleuchtetes Kino in einer Musikbox. Wenn ich sie aufziehe, spielt sie genau diese Melodie.

Darin sitzen Lego-Versionen von uns beiden gemütlich im Wiener Gartenbaukino, Drinks in den Händen. Jede von uns hat einen Michael B. Jordan am Arm. Wir brauchten selbstverständlich zwei von ihm, weil wir beide Sinners lieben, in dem er Zwillinge spielt – und weil ein Michael B. Jordan für jede von uns nur fair erschien.

Die Figuren wurden so angefertigt, dass sie uns ähnlich sehen. Das kleine Kino ist mit winzigen Lichtern ausgestattet, und auf dem Deckel der Box sitzt eine süße Masche. Ich kann sie einschalten, wann immer ich ihn vermisse, an ihn denke oder für einen Moment zu all den Abenden zurückkehren möchte, die wir gemeinsam in dunklen Kinosälen verbracht haben.

Er studierte stets mehrere Wochen im Voraus die Programme der Wiener Kinos und überlegte, welche Filme er wann sehen und wo er mich in seinen Zeitplan einbauen konnte – neben seiner Familie und seinen anderen Freunden natürlich, obwohl wir beide wirkliche Freaks sind, was Kino betrifft. Darauf folgten Reservierungen und manchmal sogar die Planung und erfolgreiche Durchführung von Double- oder Triple-Features.

Ja, alles an einem Tag.

Jetzt ist er in Italien und ich bin in Uruguay.

Es regnete, also betrat er ein Kulturzentrum. Zu diesem Zeitpunkt hatte bereits ein gewöhnlicher Schuhlöffel seine Gedanken über den Atlantik getragen. Wenig später begann an einem Ort, den keiner von uns je mit unserer Freundschaft verbunden hatte, die Melodie aus unserem Film zu spielen.

Seine Augen wurden überraschend feucht.

Ich finde es wunderschön, dass wir diese Verbindung von zwei verschiedenen Orten aus herstellen und aufrechterhalten können: er in Europa, ich in Lateinamerika. Zwischen uns liegt ein Ozean, aber für ein paar Minuten ist es, als hätte sich nichts verändert.

Ich ziehe meine Box auf, und das Lied erwacht zum Leben.